Islam in den Medien

Islam_Buch

“Die Darstellungdes Islam in der Presse

 

von Dr. Sabine Schiffer
Vortrag gehalten am 3.6.2004 im Rahmen der 10. Islamwoche in Berlin

 Wenn wir uns strikt an den Titel der Veranstaltung halten, dann können wir es ganz kurz machen: Der Islam kommt in den Medien eigentlich (so gut wie) nicht vor. Und damit wäre ich schon zu Ende. Aber so einfach können wir es uns natürlich nicht machen, denn Vieles, das mit dem Islam identifiziert wird, wird über die Medien und deren Themen transportiert und darum müssen wir uns sehr genau ansehen, wie das, was wir für den Islam halten, in unseren Köpfen zustande kommt.

Vergegenwärtigen wir uns: 1,2 Mrd. Individuen auf der Welt sind Muslime. Sie sind in verschiedenen Ländern und Erdteilen zu Hause, sie leben in der Stadt oder auf dem Land, sie sind arm oder reich, sie sind gebildet oder nicht, sie sind mal regierungspolitisch beteiligt, mal nicht, sie sind zufrieden oder nicht, haben ein aussichtsreiches Leben vor oder hinter sich oder nicht, können reisen oder nicht… und so weiter und so fort. Diese unterschiedlichsten sozio-kulturellen Faktoren machen deutlich, dass es sich um eine Vielzahl von unterschiedlichen Lebensrealitäten handeln muss. Dennoch lässt sich feststellen, dass Muslime zunehmend als homogene Masse, die zudem bedrohlich und mindestens noch rückständig ist, wahrgenommen werden. Wie kommt es, dass nicht die Vielfalt, sondern die Einfalt Einzug in unsere Vorstellungen gehalten hat angesichts der Tatsache, dass die Vermittler des Bildes vom jeweils Anderen doch frei sind in einer demokratischen Gesellschaft? Diese Vermittler sind die Medien und darum verdienen sie unsere besondere Aufmerksamkeit. Medien ermöglichen uns, an Dingen teilzunehmen, die wir nicht direkt erleben. Sie strukturieren aber gleichzeitig die Wahrnehmung dieser Dinge. Der Anteil des nicht selbst Erlebten nimmt in unserem Alltag ständig zu und damit auch das vorstrukturierte Wissen.

So wird das hiesige Islambild vor allem durch die Auslandsberichterstattung geprägt (Hafez). Und diese Gewichtung bestimmt bereits die wahrgenommenen Aspekte, welche auch durch die Postulate von Presse- und Meinungsfreiheit und –vielfalt nicht unbedingt vollständig sein müssen. Ich werde im Folgenden einige Mechanismen vorstellen, die man als Grundpfeiler medialer Themenorganisation bezeichnen kann:

Zeigen und Ausblenden

Sinn-Induktionsphänomene

Platzierung und Reihenfolge

Metaphern und das Bedrohungsszenario

Ins-stereotype-Licht-zurückrücken

Fakt und Fazit

Dabei fokussiere ich bewusst die endogenen Faktoren der Berichterstattung, also die Automatismen, die bei der Vermittlung von Nachrichten immer passieren. Die exogenen Faktoren – also Machtstrukturen und die wirtschaftliche Organisation von Medien – bleiben bei diesem Beitrag außen vor.

 Zeigen und Ausblenden

Medien bedienen sich der Zeichensysteme Sprache und Bilder. Und Zeichen haben etwas mit Zeigen zu tun. So wie ich mit dem Finger auf etwas zeigen kann, kann ich es auch mit Worten tun. Ich kann auf das Stehpult hier neben uns mit dem Finger deuten oder sagen: „Sehen Sie sich einmal das Stehpult an!“ Ich kann auch sagen „Denken Sie jetzt bitte nicht an das Stehpult!“ Egal wie ich mich zu einem Gegenstand oder Sachverhalt äußere, das Erwähnen desselben allein genügt schon, um darauf zu zeigen und somit Aufmerksamkeit auf ihn zu lenken. Dabei wirke ich durch die Nennung eines bestimmten Themas oder Aspekts auf die Wahrnehmung meiner Zuhörer/Leser ein. Ich lenke ihre Aufmerksamkeit auf diesen Ausschnitt und lenke gleichzeitig – und zumeist unbewusst – von anderen Dingen ab, auf die ich ebenso hätte zeigen können. Ich kann sie nicht nur in den Hintergrund treten lassen, sondern ganz und gar ausblenden, wie das folgende Beispiel zeigen wird:

Wir stellen uns vor, über unsere Veranstaltung heute Abend würde morgen in den Berliner Zeitungen berichtet und da stünde dann: „ Beim Vortrag ,Islam in den Medien’ im Rahmen der Berliner Islamwoche waren 87 Frauen anwesend.“ Das stimmt. Das ist Fakt, nicht gelogen – ich hoffe, ich habe mich nicht verzählt. Was würde aber das Lesepublikum aus diesem Satz schließen, wenn keine weitere Information über die Veranstaltung zu lesen wäre? Nun, da wir immer und automatisch den berichteten Teil als repräsentativ für das Ganze halten, würden die Leser daraus schließen, dass außer den 87 Frauen niemand anwesend war. Immer bieten sich uns nur Ausschnitte aus einem großen Ganzen und immer halten wir diese für das große Ganze entsprechend der soeben beschriebenen pars-pro-toto-Relation.

So konstruieren Mensch und Medien unter Verwendung von Zeichen ständig Wirklichkeiten, die nicht unseren erlebten Wirklichkeiten entsprechen – auch wenn nur Fakten berichtet werden. Und jede(r) von uns würde nur eine ganz bestimmte Realität der heutigen Vortragsveranstaltung sprachlich konstruieren, je nachdem wo die Interessenschwerpunkte der Einzelnen liegen. Bei allen erdenklichen Themen ist dieser Wahrnehmungsmechanismus aktiv und wir erahnen ja bereits, dass unser Bild etwa von Afrika, der DDR bzw. BRD, auch von den USA sowie von Christentum, Judentum und Islam usw. jeweils ein solches Konstrukt aus verkürzten Vorstellungen ist und niemals die wirkliche Situation von Menschen vor Ort und im Alltag erfassen kann.

Als besonders tückisch in diesem Zusammenhang erweist sich noch, dass ein direkter Kontakt nur bedingt einmal etablierte Vorstellungen – die so genannten Vorurteile – auflösen kann. Unser „Wissen“ nehmen wir nämlich auf die Reise mit und unsere Erwartung filtert das, was wir wahrnehmen, unbewusst. So nehmen wir schnell und effektiv die Realitätsausschnitte wahr, die unserer Erwartungshaltung, unserem Vorwissen, entsprechen und übersehen automatisch und allzu leicht die vielleicht zahlenmäßig größere Menge von Gegenbeispielen. Und da ergeht es Journalisten nicht anders als anderen Menschen. Somit ist ein Beweis für das jeweilige Vorurteil schnell erbracht, denn ein geeignetes Beispiel lässt sich immer finden – je größer der Fundus umso zuverlässiger. Im Falle der Vorstellungen vom Islam liegt genau hierin die Tücke der Vielfalt und der weiträumigen so genannten islamischen Welt – für alles, was man sehen will, lassen sich auch Beweise finden.

Die Wiederholung der immergleichen Ausschnitte – eben die, die man gewöhnt ist, wahrzunehmen – bedeutet eine Verstärkung der Vorstellung, dass reale „Beweise“ für bestimmte Vermutungen vorlägen. In diesem Mechanismus liegt es begründet, dass Stereotype insgesamt so schwer aufzulösen sind. Wenn uns bereits ein Beispiel oder auch einige als ultimative Beweise genügen, dann ist das Erwartete immer schnell „bewiesen“ und somit „wahr“. Dagegen müssen wir hier ein für allemal feststellen: Die halbe Wahrheit ist nicht die Wahrheit!

In der Islamberichterstattung lässt sich dieser Mechanismus ebenso nachweisen wie bei anderen Themen auch. Besonders gravierend sind aber die Folgen immer dann, wenn der eigene Zugang erschwert ist z.B. durch reale Grenzen wie etwa die zwischen der BRD und der DDR oder durch emotionale Grenzen wie die zu anderen Weltanschauungen, die ja unsere eigene in Frage zu stellen scheinen. Dann halten wir schnell die Darstellung für die Wirklichkeit und übersehen die Folgen der Ausschnitthaftigkeit. So entgeht uns leicht, dass die Fokussierung der Medien auf Spektakuläres und Negatives den normalen Alltag der Menschen schlichtweg ausblendet. Aber auch innerhalb einzelner Themenkomplexe spielt uns die pars-pro-toto-Relation, die das Teil für das Ganze stehen lässt, immer wieder einen Streich. Ich will das an einem einfachen Beispiel demonstrieren, obwohl ich insgesamt vor einer Beispielstrategie warnen möchte, die in den Medien und in öffentlichen Diskursen allzu oft auszumachen ist. Man kann eben für alles ein Beispiel finden. Darum fordere ich Sie auf, in Zukunft alle (Halb-)Wahrheiten in Frage zu stellen und laufend zu überprüfen.

Nun muss uns aber ein Beispiel genügen: Hin und wieder liest man, dass muslimische Töchter nur die Hälfte dessen erben, was ihre Brüder erben. Das stimmt. Das entspricht unserem Beispiel mit den 87 Frauen heute Abend – Punkt. Wenn wir hier aufhören, haben wir ein Faktum, das uns einen bestimmten Schluss suggeriert, was es nicht tun würde, wüssten wir, dass muslimische Frauen ihr Erbe zur eigenen persönlichen Verfügung erhalten, während muslimische Männer damit auch gleichzeitig in der Verantwortung für noch unverheiratete Schwestern, jüngere Brüder und etwa die verwitwete Mutter stehen. Erhalten wir diese Informationen ebenso, so entsteht ein ganz anderes Bild als nur beim Erwähnen des ersten Teils, obwohl auch dieser alleine wahr ist. Diskussionen um die Anforderungen in nicht mehr traditionellen muslimischen Gesellschaften heute lasse ich hier außen vor. Im Buch von Anne-Sophie Roald etwa ist nachlesbar, wie unterschiedlich in verschiedensten Ländern mit den jeweiligen Veränderungen in der Gesellschaft umgegangen wird. Dieses Beispiel ist eines von vielen, das verdeutlicht, dass die Beschränkung auf die immergleichen Ausschnitte in der Islamberichterstattung die Stereotypenbildung fördert und nicht relativiert, was sie auch könnte, würden andere Ausschnitte gewählt oder fehlende Aspekte ergänzt.

Achtung! Jetzt muss ich Sie warnen, denn auch ich lenke nun Ihre Aufmerksamkeit: auf bestimmte Aspekte der Berichterstattung. Und auch ich habe ein gutes Argument: fehlender Platz bzw. fehlende Zeit. Bei solchen Ankündigungen – ebenso wie die, dass „nun endlich die absolute Wahrheit berichtet“ würde – empfehle ich immer besondere Skepsis. Also, bitte seien Sie auf der Hut, zweifeln Sie, prüfen Sie nach – und wenn Sie Gegenteiliges finden, dann teilen Sie mir das bitte mit!

 Sinn-Induktionsphänomene

Seit dem 11. September ist eine Zunahme an expliziten Schuldzuweisungen gegenüber Muslimen für verschiedenste Untaten auszumachen. In ihrer Qualität sind diese aber nicht anders, als die lange zuvor bereits ausgemachten und unterschwellig unterstellten Negativa. Genau hierin liegt begründet, dass uns die vielen Behauptungen seither als plausible Beweise erscheinen.

Eine effektive Technik der Verknüpfung unterschiedlichster Bereiche stellt der sogenannte Sinn-Induktionsschnitt der Filmtechnik dar, den ich im Folgenden an einem Beispiel aus einer Sendung Peter Scholl-Latours demonstrieren möchte: „Das Schlachtfeld der Zukunft.“ Innerhalb seines Rundumschlags durch die verschiedensten südsowjetischen Republiken kommt es auch zu einer „Explosion in einem Lager russischer Soldaten in Kaspisk“. Zu sehen sind Bilder von zerstörten Häusern und Räumfahrzeugen. Dann Schnitt: „Und schon fällt der Blick auf eine Moschee, die Sultan Ahmed Moschee, gebaut nach türkischem Vorbild…“ Und tatsächlich unser Blick fällt auf die Kuppel einer Moschee mit Halbmond, deren architektonische Herkunft im Folgenden erklärt wird. Kein Zusammenhang zwischen Moschee und Explosion? Explizit wird nicht begründet, warum hier implizit und in aller unbemerkten Schnelligkeit die Themen ANSCHLAG und ISLAM miteinander verknüpft werden. Erstens, wir wissen nicht um welche Art von Explosion es sich gehandelt hat – könnte es auch eine Gasexplosion gewesen sein? Zweitens, selbst wenn man der Meinung ist, die Explosion habe etwas mit so genanntem islamistischem Terrorismus zu tun, dann muss man dieses eigentlich argumentativ rechtfertigen. Und drittens, wäre im letzten Falle das Symbol für Islamismus gänzlich falsch gewählt: denn was bleibt uns als Symbol für den Islam übrig, wenn Moscheen, Gebete und andere gängige Elemente des Islams als Symbole für Islamismus herhalten müssen?

In diesem konkreten Fall wurde also ein Zusammenhang zwischen Gewalt und Islam suggeriert und die Bildverknüpfung konnte argumentationsökonomisch und äußerst effektiv – da unbemerkt – wirken. Als besonders argumentationsökonomisch erweist sich auch das Kopftuch spätestens seit der Machtübernahme Ayatollah Khomeinis im Iran 1979. Jahrzehntelang erfuhren wir fast nichts über die Situation im Land außer, wie der Schleier saß, der somit zum Gradmesser für mehr oder weniger Freiheit der Muslima und darüber hinaus stellvertretend – pars-pro-toto eben – für alle Muslime wurde. Inzwischen reicht es aus, einfach eine Kopftuchträgerin über den Bildschirm huschen zu lassen und schon scheint alles klar. Ob es um die Situation in fernen Ländern geht, oder um die Zuwanderungsdebatte in Deutschland, um terroristische Strukturen in bestimmten Organisationen oder um islamischen Religionsunterricht: das Kopftuch hat Symbolkarriere gemacht. Eine fest etablierte Assoziationskette wird hier ausgeschöpft, die von der Unterdrückung bis zur Unterwanderung reicht, und erklärt, warum heute um den Schleier einer muslimischen Frau so heftig diskutiert wird.

Sinn-Induktion liegt darum so häufig vor, weil wir immer die zusammen geäußerten Elemente füreinander relevant halten. Dieser Automatismus ist eine Universalie menschlicher Wahrnehmung und als Technik der Filmkunst durchaus berechtigt. In Dokumentationen und sachlichen Sendungen hat diese Technik jedoch überhaupt nichts zu suchen. Die Bedeutung der zusammengeschnittenen Elemente geht dabei weit über die der Einzeleinstellungen hinaus. Das Potenzial dieses Prinzips ist unerschöpflich, denn nicht nur die Kombination von Bildern, sondern auch die von Text und Bild, Bild und Musik uvm. können so ihre suggestive Wirkung entfalten.

Sinn-Induktion gibt es aber auch in den Printmedien. Dort können Bilder, Texte und Bilder oder auch noch so verschiedene Textstücke zueinander montiert werden ohne explizite Rechtfertigung und mit dem gleichen Suggestionspotenzial. Einige Beispiele sollen den Mechanismus und sein Potenzial noch verdeutlichen: Auf Seite 240/241 in Der Spiegel vom 16.10.2000 gibt es eine Bildermontage, die einen Artikel zum Thema Israel/Palästina illustriert. Ein vergleichsweise großes Bild auf der linken Seite zeigt palästinensische Jugendliche, die Molotowcocktails werfen. Man sieht Flammen, aggressive Stimmung, Angriffslust. Direkt rechts daneben ist ein ca. 1/3 so großes Bild montiert, das einen israelischen Siedler zeigt, der ein weiß bekleidetes Kind auf dem Arm trägt und es praktisch in Richtung der „Angreifer“ hält. Seine Kalaschnikow am Schultergurt wird durch das Baby teilweise verdeckt. Im Vordergrund des Bildes steht die Thematik: unschuldige Siedler(-kinder). Die zusammen wahrgenommenen Bilder schicken dem Text, wenn ihn denn überhaupt noch jemand liest, eine Botschaft voraus – etwa „aggressive Palästinenser greifen unschuldige Isrealis/Siedler an“. Eine klare Schuldzuweisung hat also bereits hier stattgefunden, egal wie differenziert die Darstellung des Artikels eventuell noch ist.

Ein Beispiel für die Text-Musik-Verknüpfung liefert eine „Dokumentation“ zum ersten Jahrestag des 11. Septembers 2001 auf ZDF: Der Fall der Türme. Dort wird die aussichtslose Situation von Palästinensern in Flüchtlingslagern zwar durch Text und Bild deutlich. Dennoch wird am Ende einer Einstellung, die die Frage nach den Gründen für die Selbstmordattentate stellt, eine Koranrezitation als musikalischer Hintergrund eingeblendet. Dies wird das Publikum entlasten, das nun nicht die Komplexität der verfahrenen Situation und eventuell noch die eigene Verantwortung an der Geschichte anerkennen muss, sondern schon wieder und monokausal den Islam als alleinverantwortlich ausmachen kann.

Eine rein textuelle Sinn-Induktion liegt bei folgendem Beispiel aus Frau im Leben 7/93 vor, wo es um die Genitalverstümmelung von Mädchen in Ägypten geht.
„[...] Um in Ägypten eine Kampagne gegen die Beschneidung zu starten, müßten zuerst die religiösen Führer von deren Sinnlosigkeit überzeugt werden. Der Islam ist Staatsreligion. Zu ihm bekennen sich 93% der Bevölkerung.“
Das stimmt alles – und ist schlimm genug -, dennoch hat diese Tradition der Genitalverstümmelung nichts mit dem Islam zu tun, wie schon ein Blick auf die Verbreitungsländer belegt. Es handelt sich um eine altafrikanische Tradition, die auch in einigen islamischen Ländern Afrikas angewandt wird, ebenso wie in vielen nichtislamischen. Dass sich dann einige religiöse Einflussträger dies als „islamisch“ auf die Fahnen zu schreiben versuchen, belegt noch nicht die Richtigkeit dieser Behauptung – solche Vereinnahmung durchschauen wir normalerweise nur im eigenen Bereich.

Mit einem Beispiel aus dem Radio möchte ich diese Beispielkette beenden, obwohl sie sich unendlich fortsetzen ließe. Als im Herbst 2002 ein Scharfschütze Washington in Angst und Schrecken versetzte, konnten wir nach dessen Verhaftung etwa auf BR 5 hören: „Der zum Islam konvertierte John Allan Muhammad …“ Hierbei handelt es sich eindeutig um einen Verstoß gegen die Presseratsrichtlinie 12.1, die die Nennung von Gruppenzugehörigkeitsmerkmalen, wie Nationalität, Religion usw. im Rahmen der Straftatsberichterstattung untersagt, weil genau die Problematik um die Wahrnehmung von Einzeltaten als Gruppenphänomene erkannt wurde. Bis heute wissen wir nichts über die Motive des Täters von Washington und seines Stiefsohns, dennoch bleibt ein suggerierter Zusammenhang zwischen der Gewalt gegen Menschen und der Religion des Täters bestehen. Da zusammen präsentiert, werden die genannten Fakten auch füreinander relevant gehalten. Auch wenn Statistiken anderes belegen. In den Fällen nichtmuslimischer Täter wird aber die Religion nicht miterwähnt, und somit bleibt die Wahrnehmung des Islams im Zusammenhang mit Übeln und Untaten vorherrschend.

Inzwischen kann man von einer gewissen Darstellungstradition sprechen, handelt es sich bei einem Täter um einen Moslem, dann wird das auch erwähnt, egal ob für den Sachverhalt relevant oder nicht. Hier spricht man von Markierung. Ähnlich erging es einst unseren jüdischen Mitbürgern und spätestens das sollte uns allen zu denken geben. Erschwert wird diese Erkenntnis allerdings durch das Faktum, dass sich einige Untäter selbst auf den Islam berufen und es ist für die Nichtmuslime nicht einfach, die Nichtrelevanz des Islams für deren Taten zu durchschauen. Diese Selbstmarkierung macht es für die jeweils nicht zur Gruppe gehörigen besonders schwierig, diese unzulässige Vereinnahmung zu durchschauen. Auch dieses Phänomen ist aus dem antisemitischen Diskurs bekannt.

Platzierung und Reihenfolge

An einem Beispiel aus den Nürnberger Nachrichten möchte ich die Fatalität des gängigen Mittels der Vorgewichtung einmal für den Printmedienbereich demonstrieren. Insgesamt ist klar: welche Sendezeit ein Beitrag im Fernsehen oder Radio bekommt, entscheidet nicht zuletzt darüber, ob er auch wahrgenommen wird bzw. welche Wichtigkeit man ihm beimisst. Die Platzierung in Zeitungen und Zeitschriften spielt eine ebenso entscheidende Rolle bei der Zuordnung von Wichtigkeit zu einem bestimmten Beitrag. Brisanz lässt den Beitrag auf die Titelseite rutschen, so etwa die Razzien, die seit dem 11. September in Moscheen durchgeführt werden. Interessant ist nun folgende Beobachtung: Bei einer Auswertung über einige Monate des Jahres 2002 hinweg ergab sich folgendes Bild. Die Ankündigungen von Razzien wurden immer auf den Titelseiten platziert. Der Hinweis auf die Ergebnislosigkeit solcher Razzien fanden sich allenfalls im Innenteil, häufig auf linken Seiten und damit weniger auffällig oder fehlten ganz. Obwohl sich 99,99 % der Fälle als null und nichtig erwiesen, wurde der Eindruck von einem Bedrohungspotenzial durch Moscheen genährt.

Da das zuerst Wahrgenommene auch immer das folgende beeinflusst, kann natürlich auch nicht die zumeist differenziertere Darstellung im Zeitungsinneren den ersten Eindruck wieder eleminieren. Dies trifft natürlich auf alle Themen zu. Die wichtigsten Seiten einer Tagezeitung sind darum für mich die ab der Seite vier. Vor dem Hintergrund der Diskussion um Islam und Muslime und Integration usw. erweisen sich diese „Kleinigkeiten“ jedoch als besonders fatal, da so Angst und Unterstellungen kultiviert werden, was nicht gerade ein offenes Aufeinanderzugehen der verschiedensten Gruppen nach sich ziehen wird. In Punkto Moschee lässt sich gar ein Bedeutungswandel feststellen: inzwischen wird sie weniger als Ort des Gebets und der Begegnung als vielmehr als Ort der Verschwörung wahrgenommen.

Metaphern und das Bedrohungsszenario

Bereits aus der Antisemitismusforschung ist bekannt, dass bestimmte Metaphern eine entmenschlichende Wirkung haben und eine Handlungsoption nahe legen können. Denn wenn jemand als gefährliches „Ungeziefer“ ausgemacht wird, dann liegt es nahe, sich vor diesem zu schützen. Benenne ich jemanden immer wieder mit Begriffen aus der Schädlingsterminologie, dann erscheinen Maßnahmen und Handlungen gegen solche „Schädlinge“ als Akt der Selbstverteidigung und sind damit legitim. Aber auch komplexere metaphorische Konzepte entwickeln ihre Eigendynamik – nach Jürgen Link ihre „Eigenlogik“ – wie etwa der Begriff Asylantenflut deutlich macht: in der Komponente „Flut“ steckt eine Bedrohung, vor der man sich schützen muss – so die suggerierte Schlussfolgerung.

In Bezug auf die Muslime sind unter anderem die Konzepte KRANKHEIT und KRIEG/GEWALT aktiv. Wenn also vom Islamismus als einem „Krebsgeschwür“ die Rede ist (Der Spiegel 25.22002: 172f), dann impliziert diese angstmachende Bezeichnung bereits den Ausrottungsgedanken – oder wie würden Sie ein Krebsgeschwür behandeln? Hier könnte man argumentieren, dass ja korrekterweise vom Islamismus und nicht vom Islam die Rede ist. Das ist korrekt. Aber leider müssen wir feststellen, dass das Konzept Islamismus vom Islam seltenst sauber getrennt wird. Immer wieder gehen Begrifflichkeiten wie „islamischer Terror“, „Moslem-Extremist“, „islamistischer Attentäter“ usw. wild durcheinander. Und inzwischen wird auch der Islamismus fast ausschließlich mit dem Islam identifiziert – und umgekehrt. Ein Dilemma, dem so leicht nicht zu entkommen ist. Auch die französische Presse liefert für die Vermischung eindrückliche Beispiele, wie etwa wenn vom „Fieber des Islams“ (La fièvre de l’islam, L’Express 1.11.2001: Titelseite) die Rede ist – anstatt Wladimir Putin für seine Politik im Kaukasus zu kritisieren.

Das Konzept GEWALT wird täglich durch das Berichten über Attentate und Kriegshandlungen aus der so genannten islamischen Welt bedient. Wiederum eine pars-pro-toto-Aufzählung ausgewählter Fakten, die ja auch nicht unterschlagen werden dürfen. Oder? Angesichts der Tatsache, dass der weitaus größte Teil von Gewaltakten, die täglich auf der Welt passieren, als nichtberichtenswert eingestuft werden, müsste über dieses Dilemma neu diskutiert werden.

Ins-stereotype-Licht-zurückrücken

Wenn sich bestimmte Wirklichkeitsausschnitte, die – weil nicht ins erwartete Bild passend – ausgeblendet waren, nicht mehr ignorieren lassen, kommt es häufig zu einer Art Reparatur der etablierten Weltsicht. Dies ist ein Automatismus, dem wir unterliegen und der uns ein notwendiges Sicherheitsgefühl in unserem Sein verschafft. Fakten, die den üblichen Erwartungen, d.h. den Stereotypen widersprechen, können so schnell und bequem wieder in das stereotype Licht zurückgerückt werden, wie dies Helma Lutz in einem Aufsatz 1989 beschrieb.

Ich möchte das kurz am Beispiel Benazir Bhuttos demonstrieren, um den Mechanismus zu veranschaulichen, der uns oft genug den selbstkritischen Blick verstellt. Als Bhutto in Pakistan Ministerpräsidentin wurde, konnten wir lesen. „Eine Frau kann nicht Regierungschef werden in einem islamischen Land.“ (etwa Le Monde). Um diese „Wahrheit“ nicht revidieren zu müssen, wurden folgende Erklärungen abgegeben, warum dies Frau Bhutto nun anscheinend doch gelungen war: es wurde hingewiesen auf „das Erbe ihres Vaters“, den „Analphabetismus der Leute“, auf ihre „Ausbildung in Oxford“, welche ihre Errungenschaft als Muslima schon wesentlich schmälerte, und sogar noch auf „Wahlstrategie der Schiiten“, deren unterstützendes Verhalten wohl besonders erklärungsbedürftig war. Alles in allem konnten so viele zurückordnenden Erklärungen angefügt werden, dass die Meinung, dass eine solche Position für eine Frau im Widerspruch zum Islam stünde, nicht in Frage gestellt werden musste. Bhutto war die Ausnahme und Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel – wovon die vielen Regierungschefinnen im so genannten Westen ja zeugen.

Dies ist wiederum nur ein Beispiel von vielen und es zeigt deutlich: nicht die Fakten an sich entscheiden über die Wahrnehmung eines Sachverhalts – unsere Ordnung existiert immer schon vorher und ist eine künstliche. Da aber der wohlwollende oder misstrauische Blick darüber entscheidet, wie ein Sachverhalt wahrgenommen – also interpretiert – wird, bedeutet das in Bezug auf die Muslime heute: Was immer sie auch tun, es ist falsch! Denn der Blick ist ein misstrauischer und dieses Misstrauen lässt alle Anstrengungen in einem bestimmten Licht erscheinen: besteht etwa eine muslimische Frau auf dem Tragen eines Kopftuchs, dann kann dies als Zeichen der Abschottung – ja der Ablehnung – der nichtmuslimischen Mehrheitsgesellschaft empfunden werden. Legt sie aber das Kopftuch ab, so kann dies wiederum als nur geschicktere Tarnung, Verstellung, Unterwanderungsversuch abgetan werden.

Ähnlich argumentierend konnten wir kürzlich in einer renommierten deutschen Wochenzeitschrift lesen: „Schläfer streben besonders nach Einbürgerung.“ Wenn aber Integrationswilligkeit als Infiltrationsversuch interpretiert wird, welche positiven Handlungsmöglichkeiten haben Muslime dann noch? An dieser Stelle müssen wir genau prüfen, ob Forderungen an die Muslime und die in Aussicht gestellten Konsequenzen überhaupt übereinstimmen. Umgekehrt gilt es, Muslimen zu vermitteln, dass eine Angst vor dem Islam eher ein Missverständnis nicht aber böse Absicht ist. Denn aus den gemachten Beobachtungen lässt sich mindestens zweierlei ableiten: Das vorstellbare Bedrohungsszenario durch den Islam und dessen Vertreter ist ein fataler Mechanismus, der durch einzelne Taten und die Fokussierung darauf immer wieder neue Nahrung erhält. Das bedeutet aber auch gleichzeitig, dass es keine Verschwörung gegen den Islam und die Muslime gibt. Und das ist gravierender, denn sonst könnte man einen Drahtzieher ausmachen und jemandem das vorsätzliche Manipulieren nachweisen. Wenn aber alle nach bestem Wissen und Gewissen handeln, nur Fakten berücksichtigen, sich ein eigenes Bild machen wollen und dann dennoch zu den Schluss kommen, dass der Islam gefährlich sei – dann hat das besonderes Gewicht. Den Folgen der geschilderten Mechanismen erliegend, verfestigt sich so ein Generalverdacht, der nur schwer auszuhebeln ist – da vermeintlich bewiesen und begründet. Und wenn das alle anderen auch so sehen…

Fakt und Fazit

Wie aus der Aufzählung reiner Fakten falsche Schlüsse gezogen werden können, sollte hier unter anderem deutlich gemacht werden. Damit können wir uns auch nicht mehr auf das Berichten von Fakten als ausreichendes Mittel gegen Diskriminierung und dem Schüren von Rassismus berufen. Bei der Darstellung des Islams handelt es sich um einen diskriminatorischen Diskurs ähnlich dem über die Juden im 19. und frühen 20. Jahrhundert – und dies nicht nur in Bezug auf die verwendeten Metaphern. Effektives Handeln gegen eine konfrontative Entwicklung setzt Erkenntnis der ungünstigen Wechselwirkung voraus, um konstruktive Lösungen erarbeiten zu können und dafür benötigen wir Menschen, die bereit sind, den anderen jeweils in seinen – wie auch immer zustande gekommenen – Nöten, Bedenken, Wünschen und Ideen ernst- und anzunehmen und uns nicht von bisherigen Fehlentwicklungen entmutigen zu lassen. Dies gilt für alle, denn die hier beschriebenen Mechanismen wirken in umgekehrter Richtung leider auch. Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und hoffe, dass wir alle in diesem Sinne weiter arbeiten werden.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Sabine Schiffer und IBMus (Initiative Berliner Muslime). Die Vorträge der 10. Berliner Islamwoche 2004 liegen als Publikation vor: “Islam in der deutschen Gesellschaft”. (ISBN 3-937321-02-0)

Literatur:

Andics, Hellmut (1965): Der ewige Jude. Ursachen und Geschichte des Antisemitismus. Wien: Molden.

Hafez, Kai (2002): Die politische Dimension der Auslandsberichterstattung. Das Nahost- und Islambild der deutschen überregionalen Presse. (Bd.2) Baden-Baden: Nomos.

Jäger, Siegfried & Link, Jürgen (1993): Die vierte Gewalt. Rassismus und die Medien. Duisburg: DISS.

Klemm, Verena & Hörner, Karin (Hg.) (1993): Des Schwert des „Experten“. Peter Scholl-Latours verzerrtes Araber- und Islambild. Heidelberg: Palmyra.

Lakoff, George (1991): Metaphor and war. University of California at Berkeley.

Lutz, Helma (1989): Unsichtbare Schatten? Die orientalische Frau in westlichen Diskursen – zur Konzeptualisierung einer Opferfigur. In: Peripherie Nr. 37: 51-65.

Rohe, Matthias (2001): Der Islam – Alltagskonflikte und Lösungen. Rechtliche Perspektiven. Freiburg u.a.: Herder.

Schiffer, Sabine (2005): Die Darstellung des Islams in der Presse. Sprache, Bilder Suggestionen. (Dissertation an der FAU Nürnberg-Erlangen)

Quelle:http://www.al-sakina.de/